Bremer Freizeitkongress

Presseinformation: Kongressbilanz 2018

Technikfolgenabschätzung für die digitale Freizeit 4.0 wird wichtiger

Der 5. Bremer Freizeitkongress an der Hochschule Bremen war ein voller Erfolg. Darin waren sich Veranstalter, Referenten und Teilnehmer schnell einig. Zwei Tage lang diskutierten über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland über den digitalen Wandel in Arbeit und Freizeit. 26 Referentinnen und Referenten sorgten für einen dichten Fluss an Informationen über neue digitale Assistenzsysteme, die Veränderung der Marketingkommunikation und den Wandel in Museen und Erlebniswelten. In neun Foren wurde um mögliche Perspektiven für eine Freizeit 4.0 gerungen, wurden Argumente für utopische Hoffnungen, gespeist durch neue digitale Technologien, und Befürchtungen, bezogen auf einen Verlust an menschlichen Kompetenzen und eine Einschränkung der gesellschaftlichen Mitbestimmung, ausgetauscht.

Der erste Programmblock befasste sich unter dem Stichwort „Utopie oder Dystopie“ mit den großen gesellschaftlichen Tendenzen. Stefan Möhler von der Beratungsagentur „netzvitamine“ aus Hamburg machte in seinem Beitrag die ungeheure Geschwindigkeit des Wandels deutlich, in dem wir alle stecken. „Apokalyptische Reiter“ der kapitalistischen Informationsökonomie stehen vor den Toren unserer Lebenswelt, so die wenig beruhigende Botschaft und fordern von uns ihren „Sold“ in Form persönlicher Daten und Aufmerksamkeit. Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages, erinnerte in seinem Beitrag an wohl bekannte philosophische Fragen: „Was können wir wissen?“ und haben wir hier nicht eine Konstellation von „Herr und Knecht“, über die Kant schon nachdachte? Die modernen Maschinen-Knechte, so  eine mögliche Befürchtung, gewinnen immer mehr Macht über unser Leben und wir verlieren an praktischen Fähigkeiten, geraten in ein Automatisierungsdilemma oder fühlen uns in ethischen Widersprüchen gefangen.

Die Entwicklung von virtuellen (Parallel-)Welten war ein zweiter spannender Themenstrang des Kongresses. Hier überwogen die utopischen Hoffnungen, beispielsweise auf mehr Freizeit und Chancen für empathische Freizeitberufe, oder auf neue Formen des Spracherwerbs im Internet mit „lernfähigen“ Chatbots. Der zu jeder Zeit verfügbare Smart-Teacher, aber auch weitere Assistenten für die Buchung von Reisen, Hotels oder Verkehrsmitteln, werden unsere Lebenswelt binnen weniger Jahre durchziehen, so die Prognose. Nicht alle Freizeitinstitutionen oder Segmente des Tourismus sind auf diesen Wandel vorbereitet. Hierauf wies beispielsweise Christian Mayer von der TourismusMarketing Niedersachsen nachdrücklich hin.

Im Themenblock „Kommunikation, Interaktion und Partizipation“ stellten Anbieter von Freizeitdienstleistungen neue Szenarien und Service-Strukturen vor. Jens Tanneberg vom Klimahaus Bremerhaven 8° Ost erläuterte das „World Future Lab“, eine multimediale Erlebnisstation zur Nachhaltigen Entwicklung und den Handlungsmöglichkeiten im Alltag. „Gestalte deine Zukunft“ ist hier die Botschaft, und Besucher können in der multimedialen Simulation probehalber ihr Handeln verändern. Die möglichen Folgen werden sofort sichtbar gemacht. Eine Digitale Strategie, so scheint es, wird wichtiger für viele Erlebniswelten, Museen, Bildungshäuser oder Reiseunternehmen. Die neuen technischen Systeme ermöglichen darüber hinaus auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen Chancen auf eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine Partizipation an vielen Freizeitangeboten. Lesehilfen und Übersetzungsprogramme in Spezialsprachen für Behinderte sind nur zwei Bereiche, in denen rasante Fortschritte zu erwarten sind.

Wie verändern sich Erlebnisräume in der Freizeit? war die Ausgangsfrage für den vierten Programmbereich der Veranstaltung. Die Digitalisierung in Themenwelten, Freizeitparks und Museen beschert den Besuchern ganz neuartige Erlebnisse. Digitale Projektionstechnik zusammen mit dem Knowhow der Fahrgeschäftehersteller ergeben ein Spektrum neuer spannender Formate und eröffnen ein „großes Kino“ mit 360°-Projektionen für ein Massenpublikum. Einmal über Europas Naturlandschaften und Metropolen fliegen wird so zum unvergesslichen Freizeitpark-Event, wie Markus Beyr von der Firma „Attraktion!“ aus Wien mit seinen Kurzfilmen deutlich machen konnte. Die Besucher sind dabei zunehmend an der Erlebnisproduktion beteiligt, es geht morgen noch mehr als heute schon um „Co-Creating Experiences“, um eine symbiotische Erlebnisgenerierung. Kumulative Verdichtung und ein Bezug zu vertrauten Erwartungs-Schemata des Publikums bestimmen ebenfalls die Szenarien.

Um Transformation und den Wandel von Selbstbildern ging es im fünften Themenbereich. Die Möglichkeiten der Internetkommunikation auf zahlreichen Kanälen und mit hoher Dichte bestimmen offenbar zunehmend die Relevanzstrukturen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie bewegen sich in kommerzialisierten Räumen, reagieren auf einen nichtstofflichen Kontext der Netzwerke und Algorithmen mit ihrer personalisierten Werbung. „Gruselig“ ist eine Reaktion auf die Bildung von persönlichen Profilen aufgrund von Mediennutzungen, Kommunikationsinhalten oder Kaufakten im Internet. Gleichwohl erfolgt auch eine schnelle Anpassung junger Menschen an die schöne neue Welt von „Künstlicher Intelligenz“, ständiger Beobachtung und Informationskapitalismus. Wo bleibt eigentlich das Körperliche, beispielsweise im Tourismus, wenn alle Freizeitwünsche über das weltweite Netz abgedeckt werden können, oder eine „Selbstdarstellung“ im Urlaub viel besser über mediale Produkte und Plattformen gelingt als durch persönliche Begegnung und Erzählungen? Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes führte hierzu in spannende Analysen des postmodernen Freizeit-Menschen ein. Es werden wohl beim Strandurlaub auch in Zukunft immer noch Sandburgen gebaut werden, doch die Vorbilder stammen zunehmend aus dem Internet, und Fotobewerbe, beispielsweise im Socialmedia-Tool „Instagram“ vermitteln heute einen ganz anderen Kontext für die Reflexion eigener Gestaltungsideen und Produkte. Nicht wenige mögen entmutigt sein, angesichts der Flut von Bildern mit herausragender „Sandkunst“, die es im Internet gibt, und der Selfiestick für eine überhöhte Selbstdarstellung noch der banalsten Situationen ist heute immer dabei.

Der letzte Teil des Kongressprogramms thematisierte Forschungsfragen und Forschungsperspektiven für die weitere Begleitung des digitalen Wandels. Hierbei wurde die große Breite der Ansätze deutlich. Es könnte lohnend sein, sich genauer mit der Szene der Computerspieler und des „Game-based Learning“ zu befassen, wie von Prof. Dr. Johannes Fromme und Tom Hartig von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg vorgeschlagen. Auch die weitere Analyse des Wandels von Museen und Wissenswelten in den Bereichen Vermittlung und Partizipation wäre anzustreben. Und die Entwicklung der Systeme mit Anlagen zur „künstlichen Intelligenz“, wie sprachgesteuerte Assistenten, gilt es auf jeden Fall mit im Blick zu behalten. Hier treffen sich explorative Marktforschung und kritische Gesellschaftsstudien. Nicht zuletzt werden auch die Methoden der Freizeit- und Tourismusforschung durch die Digitalisierung enorm erweitert. Neuartige Aktionsraumanalysen oder auch Auswertungen von großen Datenmengen zu Freizeitnutzungen („Big Data“) sind hier zu nennen, wie in einem weiteren Forum zum Oberthema „4punkt0 erforschen“ angesprochen wurde.

Nach all den intensiven Debatten, Präsentationen und Statements hieß es am Abend wie in den vergangenen Jahren „Der Kongress tanzt“. Diesmal war die Feier verbunden mit dem Jubiläum des „Internationalen Studiengangs Angewandte Freizeitwissenschaft“ an der Hochschule Bremen. Das Motto „20 Jahre Freizeitwissenschaft studieren“ gab den Rahmen für ein rauschendes Fest mit Ansprachen, Quiz, Essen und Trinken, Musik und guten Gesprächen bis tief in die Nacht. Mit dabei waren die Studierenden der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg. Sie boten mit ihrer Performance „Avatare“ produktive Störungen und Gesprächsanlässe der besonderen Art.

In der Schlussbilanz zum fünften Bremer Freizeitkongress wurden fünf Punkte im Sinne von Herausforderungen an Freizeitplanung, Freizeitmanagement und Freizeitbildung hervorgehoben:

  • Erlebnisräume digital und analog gestalten: partizipativ, kreativ und inspirierend
  • virtuelle Vermittlungsformen ernst nehmen und neue Kommunikationskanäle für Netzreisende erschließen
  • die utopischen Momente des digitalen Wandels bewahren: Muße statt digitale Dystopie!
  • die Medienkompetenz stärken und eine kritische Reflexion der eigenen Mediennutzung fördern
  • und eine forschungsbasierte Technikfolgenabschätzung für die digitale Freizeit 4.0 vorantreiben.

Prof. Dr. Renate Freericks, Studiengangsleiterin im „Internationalen Studiengang Angewandte Freizeitwissenschaft“, dankte für die Veranstalter allen Unterstützern und den vielen Helfern der Tagung.  Es war die fünfte Konferenz einer Reihe mit spannenden Querschnittsthemen: Nachhaltige Freizeit- und Tourismusentwicklung, Wandel der Stadtkultur und immer auch Zukunftsforschung. Der 6. Bremer Freizeitkongress im Jahr 2020, dies wurde bei der internen Bilanz schon deutlich, könnte sich wieder stärker mit sozialen Themen befassen und das „Berufsfeld Freizeit“ mit seinen vielfältigen Facetten von Naturräumen, Events bis sozialer Kulturarbeit in den Blick nehmen.

Dieter Brinkmann,  Hochschule Bremen, 27.11.2018

 

Dr. Dieter Brinkmann

Prof. Dr. Renate Freericks

Internationaler Studiengang Angewandte Freizeitwissenschaft

Fakultät Gesellschaftswissenschaften

Hochschule Bremen

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